Danke, dass ich von dir lernen darf
Als mein Sohn seine Diagnose bekam, begann eine Reise. Eine Reise voller Fragen, Zweifel und stiller Trauer – aber auch voller Erkenntnisse, die ich mir ohne ihn nie erarbeitet hätte. Über Akzeptanz, Loslassen und das Geschenk des Andersseins.
Als mein Sohn seine Diagnose bekam – oder vielleicht schon lange davor, als ich spürte, dass er die Welt anders wahrnimmt als andere Kinder –, begann eine Reise. Eine Reise, die ich so nicht geplant hatte. Eine Reise voller Fragen, Zweifel und stiller Trauer. Aber auch voller Erkenntnisse, die ich mir ohne ihn nie erarbeitet hätte.
Eltern von Kindern mit einer Diagnose, die das Leben umkrempelt, verändern sich. Ich habe mich verändert. Die Phasen, die ich durchlaufen habe – von Unsicherheit und Wut über Widerstand bis hin zur Akzeptanz –, waren nicht immer leicht. Aber sie haben mich gelehrt: „Anders" bedeutet nicht weniger. Mein Sohn ist nicht falsch. Er ist offbeat. Er passt vielleicht nicht ins System, fällt aus dem Raster – aber er hat seinen Platz. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er da ist.
Das Schicksal meint es gut mit uns
Schicksal. Ein Wort, das viele mit Ohnmacht verbinden. Mit einem Plan, über den wir keine Kontrolle haben. Doch je länger ich mit meinem Sohn lebe, desto klarer wird mir: Mein Schicksal ist kein schweres Los. Es ist ein Geschenk.
Ich bin, wie viele in meiner Generation, nach dem Prinzip Leistung aufgewachsen. Gute Noten waren die Währung für Anerkennung, ein Auslandsstudium die Eintrittskarte für eine erfolgreiche Karriere. Ich habe in großen Unternehmen gearbeitet, mich an Erwartungen angepasst und gelebt, als gäbe es eine Checkliste für ein gelungenes Leben.
Mein Sohn wird ein anderes Leben haben als ich. Vielleicht ist das sogar gut so.
Während ich erst lernen musste, mich von äußeren Erwartungen zu befreien, ist er davon von Anfang an losgelöst. Er kennt keinen Hunger nach Anerkennung, keine Eitelkeit, keinen Vergleich mit anderen. Er misst sich nicht an Statussymbolen. Er lebt – im Hier und Jetzt, authentisch und echt.
Es braucht Kinder wie ihn in jedem Zuhause, in jedem Unternehmen, in jeder Gesellschaft. Menschen, die uns erden und zeigen, wie unwichtig vieles von dem ist, womit wir uns täglich beschäftigen.
Wie viel Zeit verschwenden wir darauf, gut dazustehen, anstatt einfach zu sein?
Ist Inklusion ein Luxusproblem?
Genau das scheint heute mehr und mehr als "weltfremd" oder gar als "luxuriöse Schwäche" zu gelten. Die Welt kehrt zurück zu einem Prinzip, das Effizienz und Leistung über alles stellt. Sich für andere einzusetzen, Diskriminierung zu bekämpfen, Schwächere zu unterstützen – das wird oft als „woke" belächelt, als naiv oder hinderlich für den „Fortschritt".
Aber: Fortschritt wofür? Und zu welchem Preis?
Ich liebe Effizienz. Aber Effizienz darf nicht auf Kosten anderer gehen. Sie darf nicht dazu führen, dass wir Menschen abhängen, weil sie nicht ins Raster passen. Das Argument „Früher war es auch so" lasse ich nicht gelten – weil wir nicht stehen bleiben dürfen.
Welche Gesellschaft wollen wir sein? Wollen wir wirklich nach dem Prinzip Survival of the fittest leben – oder, ehrlicher gesagt, survival of the luckiest?
Empathie, Inklusion und Gerechtigkeit sind kein Luxus. Sie sind das Fundament, auf dem wir aufbauen sollten. Unsere Entscheidungen müssen nicht nur auf Wachstum, sondern auf starke Werte gebaut sein.
Wir haben die Möglichkeit – und die Verantwortung
Wir haben die Möglichkeit, unseren etwas anderen Kindern das bestmögliche Leben zu ermöglichen. In einem System, das sie oft benachteiligt – aber in Familien, die sie sehen, lieben und feiern.
Wir lachen viel. Wir leben. Und vielleicht ist das am Ende das Einzige, was wirklich zählt.
Es ist eine Reise. Manche Eltern stehen am Anfang, kurz nach der Diagnose. Andere begleiten ihre mittlerweile erwachsenen Kinder, von denen nicht alle trotz Therapien den Weg in die Unabhängigkeit schaffen. Ich wünsche mir, dass diese Sicht auf unsere Kinder euch Mut macht.
Ich danke meinem Sohn – auch wenn nicht jeden Tag alles einfach ist. 💛
💡 Take-outs für dich als Leserin oder Leser
Diese Gedanken nehme ich aus diesem Beitrag mit – und ich hoffe, du auch:
1. Akzeptanz ist ein Prozess, kein Moment. Die Phasen nach einer Diagnose – Schock, Trauer, Wut, Widerstand, Akzeptanz – sind normal und menschlich. Du musst nicht sofort „stark" sein.
2. Dein Kind ist nicht das Problem – das System ist es oft. Neurodivergente Kinder passen nicht in standardisierte Strukturen. Das sagt nichts über den Wert deines Kindes aus.
3. Loslassen von Erwartungen ist Befreiung. Die gesellschaftliche Checkliste für ein „gelungenes Leben" ist eine Konstruktion. Dein Kind kann dir zeigen, was wirklich zählt.
4. Inklusion ist keine Schwäche – sie ist Stärke. Eine Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung einschließt, ist reicher. Nicht trotz der Vielfalt, sondern wegen ihr.
5. Du bist nicht allein. Egal, wo du auf dieser Reise stehst – es gibt andere, die dasselbe durchmachen. Diese Community ist für genau das da.
Dieser Beitrag ist der erste aus der Reihe „OFFBEAT" – persönliche Gedanken und Erfahrungen rund um das Leben mit einem neurodivergenten Kind.