Die Welt durch andere Augen: Wahrnehmungsstörungen bei Autismus
Warum dreht sich ein Kind stundenlang im Kreis? Warum kann es bestimmte Stoffe nicht ertragen, aber gleichzeitig Schmerzen kaum wahrnehmen? Hinter diesen Verhaltensweisen steckt ein Nervensystem, das Sinnesreize grundlegend anders verarbeitet – dieser Artikel erklärt die Neurobiologie, alle 8 Sinne und was Stimming wirklich bedeutet.
Warum dreht sich ein Kind stundenlang im Kreis? Warum kann es bestimmte Stoffe nicht ertragen, aber gleichzeitig Schmerzen kaum wahrnehmen? Warum sucht es lautstark Geräusche, die andere Menschen fliehen? Hinter diesen Verhaltensweisen steckt kein Trotz und keine Launenhaftigkeit – sondern ein Nervensystem, das Sinnesreize grundlegend anders verarbeitet als das neurotypischer Menschen. Dieser Artikel erklärt, woher diese Unterschiede kommen, welche Sinnesbereiche betroffen sind und was es bedeutet, wenn autistische Menschen bestimmte Reize aktiv suchen.
Was sind Wahrnehmungsunterschiede bei Autismus?
Zwischen 90 und 96 Prozent aller autistischen Menschen erleben Unterschiede in der sensorischen Verarbeitung – in einem Ausmaß, das ihren Alltag erheblich beeinflusst. Das ist keine Randerscheinung, sondern ein Kernelement des Autismus. Seit 2013 ist die sensorische Verarbeitung offiziell in den diagnostischen Kriterien des DSM-5 verankert.
Fachleute sprechen von Sensory Processing Differences (SPD) – also Unterschieden in der Art, wie das Gehirn Sinnesinformationen empfängt, filtert, integriert und bewertet. Dabei gibt es drei grundlegende Muster, die bei einer Person auch gleichzeitig und in verschiedenen Sinnesbereichen auftreten können:
| Muster | Beschreibung | Typisches Verhalten |
|---|---|---|
| Hypersensitivität (Überempfindlichkeit) | Das Gehirn reagiert stärker als üblich auf Reize | Ohren zuhalten, Etiketten aus Kleidung schneiden, Licht meiden |
| Hyposensitivität (Unterempfindlichkeit) | Das Gehirn registriert Reize schwächer als üblich | Schmerzen nicht wahrnehmen, starken Druck suchen, laut sprechen |
| Reizsuche (Sensory Seeking) | Aktives Aufsuchen intensiver sensorischer Erfahrungen | Drehen, Schaukeln, Kauen, Reiben, Stimming |
Dasselbe Kind kann gleichzeitig geräuschüberempfindlich sein (Hypersensitivität beim Hören) und Schmerzen kaum wahrnehmen (Hyposensitivität beim Tastsinn). Das erscheint widersprüchlich, ist aber neurologisch erklärbar.
Woher kommen diese Unterschiede? Die Neurobiologie
Das menschliche Gehirn verarbeitet Sinnesreize in einem mehrstufigen Prozess: Reize werden aufgenommen, gefiltert, integriert und bewertet. Bei autistischen Menschen funktionieren mehrere dieser Stufen anders.
Sensorisches Gating: Der Türsteher des Gehirns
Normalerweise hat das Gehirn einen eingebauten Filter – das sogenannte sensorische Gating. Dieser Mechanismus entscheidet, welche Reize als relevant eingestuft und bewusst wahrgenommen werden, und welche im Hintergrund bleiben. Stell dir vor, du sitzt in einem Café: Dein Gehirn filtert das Hintergrundgespräch am Nebentisch heraus und fokussiert auf dein Gegenüber.
Bei vielen autistischen Menschen ist dieses Gating beeinträchtigt. Forschungen zeigen, dass die Unterdrückung von Reizen (gemessen an Hirnwellen wie dem N100-Signal) bei autistischen Jugendlichen und Erwachsenen deutlich schwächer ausgeprägt ist als bei neurotypischen Menschen. Das Ergebnis: Das Gehirn bekommt alles gleichzeitig – das Gespräch, das Kaffeemaschinen-Geräusch, das Licht, den Stuhl, der am Boden quietscht, den Geruch der Person nebenan. Was für andere Menschen Hintergrundgeräusch ist, ist für viele Autisten gleichwertiger Vordergrundreiz.
Atypische neuronale Verbindungen
Bildgebende Studien zeigen, dass autistische Gehirne eine veränderte Konnektivität aufweisen – also andere Muster in der Art, wie Hirnbereiche miteinander kommunizieren. Bestimmte lokale Verbindungen innerhalb von Hirnregionen sind stärker ausgeprägt, während die Verbindungen zwischen weit entfernten Regionen schwächer sind. Das erklärt, warum autistische Menschen oft außergewöhnlich gut in der Detailverarbeitung sind (starke lokale Verarbeitung), aber Schwierigkeiten haben, Informationen zu einem Gesamtbild zu integrieren.
Neurochemische Unterschiede
Auch auf molekularer Ebene gibt es Unterschiede. Das Gleichgewicht zwischen erregenden (Glutamat) und hemmenden (GABA) Neurotransmittern ist bei vielen autistischen Menschen verändert. Eine Überaktivierung erregender Signalwege kann dazu beitragen, dass Reize intensiver wahrgenommen werden. Aktuelle Forschung (IBS, 2024) hat gezeigt, dass eine Überaktivierung bestimmter Neuronen im somatosensorischen Kortex – dem Bereich, der Berührungsreize verarbeitet – direkt mit Überempfindlichkeit zusammenhängt.
Die acht Sinne: Welche Bereiche betroffen sind
Wir sprechen oft von fünf Sinnen – aber tatsächlich hat der Mensch acht Sinneskanäle, die alle bei Autismus betroffen sein können.
1. Hören (Auditorische Verarbeitung)
Geräuschüberempfindlichkeit ist eine der häufigsten sensorischen Herausforderungen bei Autismus. Bestimmte Frequenzen, plötzliche Geräusche (Türklingel, Feueralarm, Händetrockner) oder Hintergrundlärm können als körperlich schmerzhaft erlebt werden. Gleichzeitig gibt es autistische Menschen, die Geräusche aktiv suchen – laute Musik, rhythmische Sounds, das Summen von Maschinen.
Typische Zeichen: Ohren zuhalten, Kopfhörer als Schutz tragen, Panik bei unerwarteten Geräuschen, Faszination für bestimmte Sounds oder Melodien, lautes Summen oder Vokalisieren.
2. Sehen (Visuelle Verarbeitung)
Helles Licht, flackerndes Licht (Leuchtstoffröhren) oder visuelle Überstimulation in unübersichtlichen Umgebungen können überwältigend sein. Gleichzeitig suchen viele autistische Kinder intensive visuelle Reize – sie beobachten fasziniert rotierende Objekte, Lichtreflexe oder sich bewegende Muster.
Typische Zeichen: Augen zusammenkneifen, Licht meiden, Faszination für sich drehende Objekte, Beobachten von Lichtreflexen, Blicken durch Finger oder Objekte.
3. Tastsinn (Taktile Verarbeitung)
Berührungen können als unangenehm bis schmerzhaft erlebt werden – besonders leichte, unerwartete Berührungen. Viele autistische Kinder können bestimmte Stoffe nicht ertragen (Etiketten, Nähte, bestimmte Texturen), lehnen Umarmungen ab oder reagieren auf Haarewaschen mit starkem Widerstand. Gleichzeitig suchen manche intensiven Druck – tiefes Drücken, Einwickeln in Decken oder das Tragen schwerer Westen.
Typische Zeichen: Etiketten aus Kleidung entfernen, bestimmte Stoffe ablehnen, Umarmungen meiden, gleichzeitig intensiven Druck suchen, Kauen an Gegenständen.
4. Geruch und Geschmack (Olfaktorische und gustatorische Verarbeitung)
Gerüche können überwältigend intensiv wahrgenommen werden – Parfüm, Reinigungsmittel, Lebensmittelgerüche. Das erklärt, warum viele autistische Kinder ein sehr eingeschränktes Repertoire an Nahrungsmitteln haben: Es geht nicht um Sturheit, sondern um echte sensorische Überreizung durch Textur, Geruch oder Geschmack.
Typische Zeichen: Starke Nahrungsmittelselektion, Würgen bei bestimmten Texturen, Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen, intensives Riechen an Gegenständen oder Menschen.
5. Propriozeption: Das Körpergefühl
Propriozeption ist das innere Gespür für die Position und Bewegung des eigenen Körpers. Bei Hyposensitivität in diesem Bereich wissen Kinder nicht genau, wo ihre Gliedmaßen sind – sie stoßen gegen Möbel, fallen hin, drücken zu fest zu. Sie suchen intensiven propriozeptiven Input, um ihr Körpergefühl zu regulieren: Drücken, Quetschen, Hängen, Springen, Tragen schwerer Gegenstände.
Typische Zeichen: Ungeschicklichkeit, zu festes Drücken beim Umarmen, Vorliebe für enge Kleidung, Springen, Hängen an Türrahmen, Kauen auf Gegenständen.
6. Vestibulärsinn: Gleichgewicht und Bewegung
Der Vestibulärsinn sitzt im Innenohr und verarbeitet Bewegung, Schwerkraft und Gleichgewicht. Autistische Kinder mit vestibulärer Hyposensitivität suchen intensive Bewegungsreize – sie drehen sich, schaukeln, springen, ohne schwindelig zu werden. Bei Hypersensitivität hingegen kann schon eine kleine Bewegung (Fahrstuhl, Rolltreppe, unebener Boden) Angst oder Übelkeit auslösen.
Typische Zeichen: Stundenlang drehen ohne Schwindel, intensives Schaukeln, Angst vor Treppen oder Fahrstühlen, Vermeiden von Bewegung.
7. Interozeption: Das innere Körpergefühl
Interozeption ist die Wahrnehmung innerer Körperzustände – Hunger, Durst, Herzschlag, Blasendruck, Schmerz. Viele autistische Menschen haben Schwierigkeiten, diese Signale wahrzunehmen oder zu interpretieren. Das erklärt, warum manche Kinder nicht merken, dass sie Hunger haben, bis sie in eine Hypoglykämie geraten – oder warum sie Schmerzen erst sehr spät oder gar nicht melden.
Typische Zeichen: Nicht merken, dass man Hunger oder Durst hat; Schmerzen nicht wahrnehmen oder übermäßig stark wahrnehmen; Schwierigkeiten, Emotionen körperlich zu spüren.
8. Schmerzverarbeitung
Schmerz ist kein eigener Sinn, aber ein wichtiger Bereich: Viele autistische Menschen haben eine veränderte Schmerzwahrnehmung – sie können Schmerzen entweder kaum wahrnehmen (und sich deshalb verletzen, ohne es zu merken) oder extrem empfindlich darauf reagieren.
Reizsuche (Sensory Seeking) und Stimming: Selbstregulation, kein Problem
Stimming – kurz für Selbststimulation – ist ein Begriff für repetitive sensorische Verhaltensweisen: Schaukeln, Drehen, Klatschen, Summen, Zungenschnalzen, Reiben. Stimming wird oft als störendes Verhalten wahrgenommen und war in älteren Therapieansätzen ein Ziel der Unterdrückung. Das war falsch.
Stimming ist Selbstregulation. Es hilft autistischen Menschen, ihr Nervensystem zu regulieren – bei Überstimulation durch Beruhigung, bei Unterstimulation durch Aktivierung. Es ist funktional, sinnvoll und oft notwendig. Stimming zu unterdrücken erhöht Stress und kann langfristig zu Erschöpfung und Burnout führen.
Reizsuche (Sensory Seeking) ist das aktive Aufsuchen bestimmter sensorischer Erfahrungen, um das Nervensystem in einen regulierten Zustand zu bringen. Ein Kind, das sich stundenlang dreht, sucht vestibuläre Stimulation. Ein Kind, das auf allem herumkaut, sucht propriozeptiven Input über den Kiefer. Ein Kind, das sich in enge Räume quetscht, sucht den beruhigenden Druck der Tiefensensibilität.
Das Ziel sollte nicht sein, diese Verhaltensweisen zu stoppen – sondern zu verstehen, welches sensorische Bedürfnis dahintersteckt, und gegebenenfalls sicherere oder sozial akzeptablere Alternativen anzubieten.
Warum das alles so erschöpfend ist
Sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn das Gehirn keine Reize filtern kann, ist schwer. Temple Grandin, eine der bekanntesten autistischen Wissenschaftlerinnen, beschrieb es so: „Stell dir vor, dein Gehirn ist wie ein Fernsehgerät, das alle Kanäle gleichzeitig empfängt."
Diese permanente sensorische Überflutung kostet enorme Energie. Autistische Menschen müssen aktiv und bewusst leisten, was neurotypischen Menschen unbewusst passiert: Reize sortieren, filtern, priorisieren. Das erklärt, warum viele autistische Kinder nach einem Schultag erschöpft zusammenbrechen – nicht wegen der sozialen oder kognitiven Anforderungen allein, sondern wegen der sensorischen Last.
Was Eltern tun können
Das Verständnis der sensorischen Bedürfnisse eines Kindes ist der erste Schritt. Ergotherapeuten, die auf sensorische Integration spezialisiert sind, können helfen, ein sensorisches Profil des Kindes zu erstellen – also zu verstehen, in welchen Bereichen das Kind über- oder unterempfindlich ist und welche Reize es sucht.
Konkrete Maßnahmen im Alltag können sein: Reizarme Umgebungen schaffen (gedämpftes Licht, ruhige Bereiche), Kleidung ohne störende Nähte oder Etiketten wählen, Kopfhörer als Schutz anbieten, sensorische Pausen einplanen, Stimming erlauben und unterstützen, propriozeptive Aktivitäten anbieten (Trampolinspringen, Knetmasse, schwere Decken).
Das Wichtigste: Sensorische Unterschiede sind keine Fehler, die korrigiert werden müssen. Sie sind ein Teil dessen, wie das autistische Nervensystem die Welt erlebt – und sie verdienen Respekt und Verständnis.
Quellen: Patil & Kaple, Cureus 2023 (PMC10687592); Marco et al., Frontiers in Neuroscience 2011 (PMC3086654); IBS Research, ScienceDaily 2024; Autism.org.uk – Sensory Processing; Autism Speaks – Sensory Issues; ESCAP Practice Guidance for Autism (Fuentes et al., 2020).
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Fachberatung. Bei Fragen zur sensorischen Verarbeitung deines Kindes wende dich an einen auf Autismus spezialisierten Ergotherapeuten oder Kinder- und Jugendpsychiater.